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ARCHIV 2006

Frau Hanke, Sie blicken auf ein langes Leben zurück, ein Leben als Diakonissin.
Warum haben Sie sich einst für diesen Weg entschieden?


Ich war schon zuhause als Mädchen in einem Diakonissenhaus Hauswirtschaftsschülerin. Das hat mir gefallen, und dabei bin ich geblieben, weil es mich interessiert hat.

Wo war dieses Zuhause?

Ich bin Sudetendeutsche, komme aus dem Altvatergebirge, aber nach dem Krieg bin ich zusammen mit einer anderen Schwester, die zufälligerweise auch Emma hieß, über Schlesien nach Görlitz gekommen. Mit den Fahrrädern fuhren wir 1945 in diese „tote Stadt", so empfanden wir das, denn alles war evakuiert und geflüchtet. Als wir ankamen, schickte man uns hierher und sagte: „Da sind solche wie ihr", denn damals war das Haus noch Säuglingsheim. Aber auch die Schwestern waren mitsamt den Kindern evakuiert und kehrten erst später wieder zurück.

Waren Sie damals schon Krankenschwester?

Nein, ich war Probeschwester, hatte meine Ausbildung noch nicht abgeschlossen und wurde erst 1948 als Diakonissin hier eingesegnet. Zwei Jahre lang war ich dann noch zu einer Ausbildung in Berlin.

Wieso kamen Sie zurück und worin bestand hier Ihre Aufgabe?

Es wurde jemand für die Jugendarbeit im Görlitzer Diakonissenmutterhaus Salem gesucht, und so kam ich wieder hierher. Es gab damals keine Arbeit und wenig Ausbildungsmöglichkeiten für junge Mädchen. Die Schule verließen sie mit 14, noch ohne zu wissen, was sie später machen wollten. Um ihnen die Suche nach ihrem Lebensweg zu erleichtern, richtete man die so genannte „Vordiakonie" ein, hier wurden sie geführt und betreut. Bis 1954 ging das.

Und danach?

Als die 10-Klassen-Schule Pflicht wurde, lief die Vordiakonie aus, und angehende Krankenschwestern wurden nun im Mutterhaus in allen Krankenpflegefächern von Anatomie bis Psychologie unterrichtet. 30 Jahre lang war dies meine Aufgabe. Mit einem Pfarrer, einem Anatomielehrer und der Oberin, die auch Unterricht gab. Nach einem Jahr wurden die etwa 15 jungen Schwestern dann von uns an die Krankenhäuser, in Kinderpflegestätten oder andere medizinische Bereiche delegiert. Da bildeten sie sich weiter, je nachdem, was ihnen am meisten lag. Wem es bei uns gefiel, der blieb oder ging an ein anderes Diakonissenhaus.

Worin bestand der Unterschied zu staatlichen Krankenpflegeschulen?

Bei uns bekamen die Mädchen alles, was junge Menschen für die Zukunft brauchen. Zwar haben die Schülerinnen selbst natürlich viel gemeckert damals, aber heute, als Großmütter (lacht), sehen sie das ganz anders. Von Schwestern, die von staatlichen Schulen kamen, hörten unsere Mädels oft: Ihr wisst gar nicht, was ihr für ein Glück habt mit eurer Vorbildung.

Was bedeutet Ihnen der Beruf, hat Sie nie etwas gestört?

Früher ist oft gespottet worden. Da wurde man behandelt, als habe man sich den Beruf nicht aussuchen können und würde immer dahin geschickt, wo man gebraucht wird. Als sei man zum Armsein gezwungen und dürfe vieles nicht. Aber wenn ich vergleiche: Die jungen Menschen heute müssen genauso dahin, wo man sie braucht, und haben oft keine Wahl, was sie und wo sie es tun. Wir sind die „evangelischen Nonnen", hab ich immer gesagt, und darunter stellen sich die meisten etwas Mystisches vor.

Woher kommen diese Vorstellungen?

Durch Unkenntnis und Aberglauben, heute noch. Stellen Sie sich vor, neulich fuhr ich mit der Straßenbahn in die Stadt, und ein junger Mann spuckte vor mir dreimal auf den Boden. Weil es Unglück bringen soll, einer Diakonisse zu begegnen. Da blieb mir nichts anderes, als ihn anzusehen und ihm einen sehr schönen Tag zu wünschen.

Haben Sie je bereut, den Weg gewählt zu haben, den Sie gegangen sind?

Ich habe den Beruf ja gewählt. Man fragt und überprüft sich nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten und danach, was man anderen anbieten kann. Und man wird auch gefragt: Wollen Sie das, trauen Sie sich das zu? Es ist ein Beruf wie jeder andere, wir leben ein ganz normales Leben wie andere Menschen auch. Natürlich bleibt man im Rahmen, das ist ja klar.

Aber haben Ihnen nie Ehe und eine eigene Familie gefehlt?

Es ist eine Entscheidung, das kam nie in Frage. Man lebt mit seiner Arbeit, also ich wohnte ja auch im Mutterhaus. Diakonie versteht sich immer als Lebens- und Dienstgemeinschaft.

Wie fühlen Sie sich heute?

Ich wohne gut, denn das Mutterhaus sorgt ja lebenslang für unser Wohl, bis in den Ruhestand. Parkinson habe ich, das ist unheilbar, deshalb fällt mir vieles schwer, aber das ist eben so, wenn man sein Leben lang in Bewegung war. Ein bisschen springen die Erinnerungen hin und her, und man vergisst auch schon mal etwas.

Ines Eifler


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