14. Juli 1914 Einweihung des Neubaus Bautzner Strasse

So konnte mit dem Bau begonnen werden, und schon nach Jahresfrist, am 14. Juli 1914, fand die Einweihungsfeier statt. Die Weiherede hielt Pastor prim. Schmidt, auch Landeshauptmann von Wiedebach-Nostitz und Oberbürgermeister Snay ergriffen das Wort, Pastor Thiel aus Bethanien sprach das Schlußgebet. Das in recht gefälligem Stil erbaute Haus hat 4 Stockwerke; das Erdgeschoß ist für die Krippe, das erste Stockwerk für den Hort, das zweite und dritte zur Aufnahme der Haushaltungsschülerinnen, sowie einiger pflegebedürftiger Damen und zur Schwesternwohnung bestimmt. Hinter dem Hause, das mit schönen Veranden und Balkons ausgestattet ist, befindet sich ein geräumiger Spielplatz und Garten.
Die beiden oberen Stockwerke wurden sofort bezogen, die beiden unteren dagegen konnten ihrer Bestimmung zunächst nicht übergeben werden, denn zwei Wochen nach der Einweihung des Hauses brach der Krieg aus, und das Mutterhaus musste seine Zusage, für Krippe und Hort die nötigen Kräfte zu stellen, vorläufig zurückziehen.

Jedoch fanden die Horträume vom September 1914 ab Verwendung als L a z a r e t t. Es war für die Schwestern eine besondere Freude, daß auch das Görlitzer Diakonissenheim den verwundeten und kranken Soldaten seine Türen öffnen konnte, und unsere Anstalt ist dankbar, daß sie dem Vaterlande diesen Dienst durch zwei Jahre hindurch hat erweisen dürfen.
Im Juli 1916 trat der Vaterländische Frauenverein an das Mutterhaus mit der dringenden Bitte heran, die Überweisung einer Schwester für die Krippe nicht länger hinauszuschieben. Es gelang Bethanien, eine seiner Kriegsschwestern für die Arbeit freizumachen. Und so wurde am 1. Oktober 1916 die Krippe, die 30 Plätze hat, in Betrieb genommen. Wenn auch schon seit Jahrzehnten die Pflege der Kleinsten eine Lieblingsarbeit unserer Görlitzer Schwestern war, so hatte es doch an Räumen, Einrichtungen und Arbeitskräften, die der Säuglingspflege a u s s c h l i e ß l i c h dienten, bisher gefehlt. Diesem Mangel ist nun abgeholfen worden. Wir freuen uns unserer allen Erfordernissen der Neuzeit gerecht werdenden hellen und freundlichen Krippenräume und stellen auch diesen neuesten Arbeitszweig unseres Hauses in Gottes treue Hut.

Hiermit schließen wir den Überblick über das Arbeitsgebiet der Görlitzer Diakonissenanstalt ab. In der Predigt, die Superintendent Schultze gelegentlich ihres 25jährigen Bestehens hielt, hat er sie „ein Zweiglein am Baum des großen, blühenden Diakonissenwesens“ genannt. Aber sie ist nicht nur ein Z w e i g l e i n, sie ist zugleich ein A b b i l d der Mutterhausdiakonie. Was jene im großen geschaffen hat auf all den vielen Gebieten der Liebesarbeit, das ist hier im kleinen geleistet worden. Hier ist die Diakonisse nicht nur Krankenpflegerin, sondern sie ist den Kindern eine Mutter, den Müttern eine Beraterin, der Jugend eine Vertraute, den Unerfahrenen eine Lehrerin, den Heimatlosen eine Freundin, den Alten eine Tochter. Sie ist Martha und Maria zugleich. Die Diakonie trägt auf ihrem Herzen nicht nur diese oder jene, sondern die g e s a m t e Not der Gemeinde. So ist es hier in Görlitz von jeher gewesen, und so soll´s mit Gottes Hilfe auch bleiben!
Auf dem ganzen Arbeitsfeld der Anstalt stehen derzeitig, wenigstens nach dem Etat, 21 Schwestern, die folgendermaßen verteilt sind:

Leitende Schwester1
Küchenschwester1
Kinderbewahranstalt1
Damenstation2
Jugendpflege1
Krippe1
Pflegestation4
Gemeindeschwestern7
Marthaheim1
Reichenbach Bethanien2

Dazu kommen noch 4 Kindergärtnerinnen und 2 Hortnerinnen und endlich die Gemeindeschwester und die Kindergärtnerin in Reichenbach, die aber von dem Gemeindekirchenrat bzw. von dem Vorstand der Kleinkinderschule in Reichenbach angestellt sind. Mehrere dieser Schwestern mußten bei Beginn des Krieges zur Verwendung in der Kriegskrankenpflege abgerufen werden, zum Teil sind sie aber schon wieder zurückgegeben bzw. ersetzt worden. Als leitende Schwester diente der Anstalt: Diakonisse Anna Krause von 1867 bis 1878, Diakonisse Marie von Stückradt von 1878 bis 1895, Diakonisse Sophie Neumann von 1895 bis 1911, Diakonisse Ina von Matthießen von 1911 bis 1913.. Nur zwei Jahre, aber zwei reichgesegnete Jahre, stand sie an dieser Stelle. Im Oktober 1913 übernahm sie das Amt einer Oberin im Lehmgrubener Diakonissenmutterhaus zu Breslau. In Görlitz wurde die Diakonisse Hedwig Westermann ihre Nachfolgerin. (2)

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Fünfzig Jahre Diakonissenarbeit in Görlitz Festschrift verfasst von Johannes Thiel Pfarrer des Zentral-Diakonissenhausses Bethanien-Berlin

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