1945 Flucht 1946 Rückkehr

Frau Käthe Pätzold, vielen als „Tante Käthe“ bekannt, berichtet nachfolgend über die Fluchtzeit des Kinderheimes Bethanien. Tante Käthe hat 50 Jahre im Haus Bethanien gearbeitet und gewohnt, zuletzt im Parterre des Altenheimes.

Bericht über die Fluchtzeit des Kinderheimes „Bethanien“

Es war im Februar 1945.
Täglich hörten wir mit Bangen, daß Menschen ihre Heimat verlassen mußten und sahen traurig aussehende Trupps an unseren Fenstern vorüberziehen.
Unser schönes Kinderheim in der Landeskronstraße 57 war mit seinen Räumen im Hochparterre, und da die Fenster unseres sonnigen Tagesraumes nach der Straße lagen, hatten wir Gelegenheit, die sich abspielenden Szenen zu beobachten. Wie oft überkam uns der Gedanke, wenn wir doch nur „daheim“ bleiben könnten, aber bei jedem Fliegeralarm zitterten wir und rannten in den Luftschutzkeller. Eines Tages hieß es: „Macht euch startbereit, es kann stündlich mit dem Verlassen der Heimat gerechnet werden.“
Unsere Kinderschwester, Diakonisse Marie Kretzmann, war fürsorglich darauf bedacht, daß jedes Kind sein Päckchen mit auf den Weg bekam. Jeder, ob Junge oder Mädel, hatte doppelte Kleidung an und seinen Rucksack auf dem Rücken. So saßen wir tagelang und schliefen auch nachts mit unseren Sachen.
Am 12. Februar 1945 schlug die Abschiedsstunde. Nachdem wir noch einmal alle unsere Hände gefaltet und einen wehmütigen Blick in die uns vertrauten Räume geworfen hatten, verließen wir, 60 Kinder und 20 Tanten, mit Tränen in den Augen unser schönes Kinderheim „Bethanien“. Um 14.00 Uhr zogen wir über den Lutherplatz, bogen in die Krölstraße ein und erreichten die Bahnhofsstraße, wo auf dem Güterbahnhof unser Lazarettzug stand. Die Kleinkinder noch unbesorgt, fanden es interessant, mal verreisen zu dürfen. Aber die Erzieherinnen schauten sich gedankenvoll an und verabschiedeten sich von ihren Angehörigen für „immer“.
Gegen 16.00 Uhr setzte sich der Lazarettzug in Bewegung, eine Fahrt in ungewisses Land. Die Kinder lagen zu zweit in dreistöckigen Betten, die Erwachsenen im untersten Bett, um schnell dienstbereit zu sein. Verpflegt wurden wir im Lazarettzug gut und reichlich und litten dadurch keine Not. Nur die sanitären Anlagen waren ganz primitiv.
Wir fuhren zunächst nach Aussig, weiter nach Eger, Weiden, Regensburg, Straubing, Landshut und kamen nach achttägiger Fahrt in Wilsbiburg an. Dort wurden wir dem katholischen St. Johannesstift, das von der NSV enteignet war, als selbständige Gruppe eingegliedert und waren in jeder Weise von ihm abhängig. Uns wurden schöne Räume zur Verfügung gestellt. In einem großen Schlafsaal hatte jedes Kind sein eigenes Bett, der Tagesraum war auch groß und sonnig, und die Erzieherinnen bewohnten zu zweit ein nett eingerichtetes Zimmer. Der nahe am Haus gelegene Wald bot Gelegenheit zu ausgiebigen Spaziergängen, so daß es uns durch Gottes Güte in jeder Hinsicht gut ging.
Schwester Marie, die die ganze Verantwortung für Kinder und Personal trug, umsorgte uns in bewundernswürdiger Weise. Wohl stellten sich mancherlei Nöte ein, denn die Kleidungsstücke bekamen Risse und wurden knapp, das Schuhwerk mußte erneuert werden und so manches mehr, aber Gott half wunderbar hindurch.
Als im August 1945 Frau Witzke, eine katholische Leiterin, kam wurde das Haus wieder St. Johannesstift.
Bald rückte das Weihnachtsfest heran. Wir feierten es bescheiden, aber doch fröhlich, und jedes Kind hatte ein Geschenk unter dem Christbaum liegen, das es sich sogar hatte wünschen dürfen.
Nun schrieben wir das Jahr 1946.
Mit der Länge der Zeit wuchs doch das Heimweh und das Sehnen, wieder zurückkehren zu dürfen. Endlich, am 1. Juli 1946, hellten sich unsere Blicke auf, wir hatten die Nachricht erhalten, nach Görlitz in unser Kinderheim fahren zu dürfen. Ach, wie glücklich waren wir! Die Rückreise dauerte allerdings länger, aber wir hatten ja das herrliche Ziel vor Augen.
Von Wilsbiburg ging es zurück nach Landshut, Straubing, Regensburg, Weiden, Hof, Gutenfürst, Plauen, Reichenbach, Altenburg, Leipzig, Döbeln, Dresden, Görlitz, wo wir am Sonntag, dem 14. Juli, um 13.30 Uhr ankamen.
O, diese Spannung, wie wir wohl unser Kinderheim vorfinden werden. Und nun hinein in den Tagesraum, ach, da standen ja noch die Tische und Stühle, an der Wand hing noch das Bild „Jesus segnet die Kinder“. Die Uhr war natürlich stehengeblieben. So, nun weiter zu den Schlafräumen, welch Wunder, die Federbetten lagen noch in jedem Bett.
Freudentränen liefen über unsere Wangen, und mit dem Lied „Nun danket alle Gott“ bekundeten Erwachsene und Kinder die wunderbare Führung unseres treuen Gottes.

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