Gründung der Diakonissenanstalt 1867

Am 25. Oktober erfolgte bereits die Zusage des Mutterhauses, und am 8. Januar 1867 wurde der Vertrag zwischen beiden Teilen vollzogen.

Zwei Tage darauf siedelten die beiden Schwestern, die bis dahin noch im Lazarett gearbeitet hatten, in das ihnen zugewiesene Heim, eine Mietswohnung in der Krischelstraße, über und begannen die Arbeit.

Ihr täglicher Weg in die Gemeinde führte sie an einem Hause dieser Straße vorbei, das von der Väter Zeit her die Inschrift trug:
„Gott hat geholffen, Gott hülfft, Gott wird helfen!“
Wenn wir heute, nach 50 Jahren, auf die Geschichte der Görlitzer Diakonissenstation zurückblicken, so müssen wir dankerfüllten Herzen bekennen, jener alte Hausspruch, der unsere ersten Schwestern auf ihren Berufswegen grüßte, hat sich durch die Jahrzehnte reich erfüllt.

Krischelstraße

Zu dieser gesegneten Entwicklung hat nicht zum mindesten ein Umstand beigetragen, der schon in den allerersten Anfängen der Arbeit in die Erscheinung trat und ihr bis heute das Gepräge gegeben hat. Und dies ist die E i n h e l l i g k e i t und E i n m ü t i g k e i t, mit der alle Beteiligten zur Sache standen und stehen.
Außer dem Verein für weibliche Diakonie, mit dem das Mutterhaus den Vertrag geschlossen hatte, wandten von vornherein noch vier andere Vereine dem Wirken der Schwestern ihr warmes Interesse zu, der Königin-Elisabeth-Zweigverein für verschämte Arme, der Kosmehlsche Frauenverein, der Vaterländische Frauen-Zweigverein und der Oberlausitzer Verein zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder. Vor allem aber war es von Bedeutung, daß auch der Gemeindekirchenrat sich tatkräftig zu dem Werk bekannte. Es wurde ein Ausschuß von 11 Mitgliedern gebildet, zu dem der Gemeindekirchenrat fünf und die Vereine sechs abordneten. Den Vorsitz führte der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates.

Das Geheimnis des Görlitzer Erfolgs

So verband sich die geordnete Vertretung der Kirchengemeinde mit den verschiedenen freien Wohltätigkeitsvereinen in glücklicher Weise zu einer Arbeitsgemeinschaft, in der jedes einzelne Glied seine Gaben und Kräfte in den Dienst der Gesamtheit stellte. Hier wurde und wird wirklich einmal nach dem apostolischen Rat gehandelt: „Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes!“ Wer da weiß, wie so viele Werke der öffentlichen Wohlfahrtspflege und leider auch der Reichsgottesarbeit unter der kleinlichen Eifersüchtelei, unter dem Mangel an wirklichem Dienewillen, unter der Engigkeit der beteiligten Persönlichkeiten und Korporationen schwer leiden und in ihrem Wachstum aufgehalten werden, der findet die Erklärung für die so überaus gedeihliche Entfaltung der Görlitzer Arbeit vor allem in der Selbstlosigkeit, in der Hingabe an das Ganze, mit der hier die Einzelkreise sich zusammenschlossen. Auch der Magistrat der Stadt wandte dem aufblühenden Werke gar bald seine Fürsorge zu und hat sie ihm durch die Jahrzehnte hindurch treulich erhalten.

30. Juni 1873 Rechte einer juristischen Person

Mit dem Wachsen der Anstalt machte sich das Bedürfnis nach einer festeren
O r g a n i s a t i o n geltend. Am 30. Juni 1873 erhielt die Diakonissenanstalt die Rechte einer juristischen Person. Die Veranlassung, die Verleihung diese Rechte zu beantragen, hatte dem Elferausschuß vor allem der Umstand gegeben, daß der Anstalt verschiedene Legate zugefallen waren, für die sie, solange sie die Korporationsrechte nicht besaß, nicht empfangsberechtigt war. Diesem Mangel wurde nun abgeholfen. Das der Regierung vorgelegte Statut vom 4. Mai 1873 stellt an die Spitze der Anstalt einen aus 11 Personen bestehenden Vorstand.

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