Das Säuglingsheim

Das Haus an der Schlaurother Straße trägt an seinem Eingang das Wappen der Oberlausitzer Synodaldiakonie.

 

Das Säuglingsheim beherbergte eine Station mit 40 Betten für gesunde Kinder, eine Krankenstation mit 30 Betten und eine Entbindungsstation mit 12 Betten.
Diese Station, für die damals Schwester Herta Schulze verantwortlich war, musste im Jahre 1957 aufgegeben werden und auch die Säuglingspflegeschule konnte auf Grund fehlender staatlicher Anerkennung nach 1945 seine Arbeit nicht wieder aufnehmen.
Im Februar 1945 wurde das Säuglingsheim evakuiert. Erst im Juli 1946 konnten alle Heimbewohner und Pflegepersonal nach Salem zurückkehren.

 

Pastor Reinhold Winkelmann, unter dessen Leitung die beiden Häuser gebaut wurden, war es vergönnt, 21 Jahre als Leiter der Oberlausitzer Synodaldiakonie und gleichzeitig als Pfarrer der Kirchgemeinde Kunnerwitz sehr erfolgreich wirken zu können.

 

Es gelang ihm, das wertvolle Grundstück an der Schönbergerstraße, welches direkt an das Mutterhaus angrenzt, im September 1932 für die Synodaldiakonie zu erwerben. Die riesige Villa, bis dahin als Einfamilienhaus genutzt, wurde so umgebaut, dass vier Familien dort wohnen konnten. Eine davon war die Familie des Vorstehers.

 

Die Amtszeit Pastor Winkelmanns war von den geschichtlichen Besonderheiten dieser Zeit stark geprägt. Die Inflation, die Arbeitslosigkeit und die Anfänge des Nationalsozialismus machten es sehr schwer, Salem als Stätte der Diakonie der evangelischen Kirche zu erhalten.

 

Die Jahre seit 1933 waren besonders schwer. In einer Einrichtung, die wahrhaft der Mittelpunkt sozialer und christlicher Nächstenliebe war, oblag dem Vorsteher die Verantwortung für etwa 160 Schwestern, die in 43 Gemeindeschwesternstationen, in mehreren Säuglingsheimen und Krankenhäusern tätig waren. Diese Einrichtung galt es mit Beginn des Nationalsozialismus vor dem Totalitätsanspruch des Staates, vor drohender Enteignung und Eingliederung in staatliche und auch kirchliche Neuorganisationen zu bewahren und dem Verein "Oberlausitzer Synodaldiakonie" zu erhalten. Neben der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt hatte auch die Innere Mission mit der Gründung der evangelischen Frauenhilfe und des Wohlfahrtsdienstes eine zusätzliche innerkirchliche Konkurrenz geschaffen.

 

Das Altersheim und das Säuglingsheim, anfangs immer voll belegt, konnten mit zunehmender Geldknappheit der Menschen nicht mehr ausgelastet werden, sodass die Unterhaltung der Gebäude Schwierigkeiten bereitete. Das Mutterhaus wurde in immer größerem Maße Wohlfahrtshaus. Es war wie ein Kloster, dass seine Pforten nicht vor den anklopfenden und bittenden Menschen verschließen konnte. Die dadurch entstandene finanzielle Belastung war sehr groß.

 

Pfarrer Winkelmann rang um die Existenz der Diakonissenschaft, die auf Wunsch der Reichsleitung von der NS-Schwesternschaft in den Gemeindestationen abgelöst werden sollte. Gemeindestationen waren unter anderem in Girbigsdorf, Bernsdorf, Reichenbach, Niesky, Königshain, Melaune und auf dem heute polnischen Gebiet in Lauban, Marklissa, Penzig, Schömberg, Lüben oder Görlitz-Moys.

 

Es war ein sehr schwerer Kampf und er fand kaum Unterstützung. Zweimal wurde Pastor Winkelmann bei der geheimen Staatspolizei angezeigt, weil er staatsfeindlich in der Kirche gewirkt haben soll.

 

Sein ganzes Bestreben war darauf gerichtet, allen seiner Führung anvertrauten diakonischen Einrichtungen den kirchlichen Charakter zu erhalten. Die Lehre Luthers und das Wort der Bibel waren sein Maßstab. Diese Aufgabe war äußerst schwierig, da die "Reichskirche" eine sehr eigene Haltung zum Nationalsozialismus bezog, wie die Rede eines Pfarrers zum Thema "Die nationalsozialistische Haltung in der Mutterhausdiakonie" beweist.

 

Gott selbst hat uns auf den Boden des neuen Staates gestellt. Es gehört zum Gehorsam gegen Gott und zum Vertrauen auf seine Führung, dass wir uns nicht nur im stillen Gehorsam der Obrigkeit beugen, sondern dass wir voll Vertrauen und Liebe zum Führer unserem Volk und Land dienen. Das 3. Reich ist ein Geschenk unseres Gottes. Viel gemeinsames verbindet uns: der Dienstgedanke, die Opferbereitschaft, die Volksverbundenheit. Da und dort stehen noch alte Gefühlswerte im Wege. Die müssen überwunden werden. Wir wollen auch in unseren Mutterhäusern den Hitler-Gruß pflegen und die Fahnen des Dritten Reiches grüßen....

 

Nicht nur ideologische Probleme erschwerten Pfarrer Winkelmann die Arbeit. Der Ständerat machte seine vermeintlichen Rechte auf das Kassenwesen der Einrichtung geltend, obwohl alle Häuser damals nur infolge großer Opferfreudigkeit der Schwestern, der einzelnen Kirchgemeinden und mit Finanzierungshilfe der Inneren Mission gebaut werden konnten. Der finanzielle Anteil der Landstände war eher gering.
Auch von den einzelnen Kirchgemeinden erhielt er in dieser Zeit keine Unterstützung wie aus einem Brief aus dieser Zeit hervor geht.

 

"Auf Ihr Bitten um den Jahresbeitrag für die SD teilen wir Ihnen hierdurch mit, dass wir solange keine Beiträge und Sammlungen gewähren werden, bis Ihr Herr Vorsitzender eine gerechtere und maßvollere Einstellung zur Reichskirche und zur Bewegung "Deutscher Christen" gefunden haben wird. "

Heil Hitler!
Ev. Gemeindekirchenrat der Lutherkirche

 

Auf diese Beiträge war das Mutterhaus angewiesen um eine normale Lebenshaltung der Schwestern in Bezug auf Nahrung und Kleidung zu gewährleisten. Die psychische und physische Belastung für die Mitarbeiter war in dieser Zeit sehr groß. Viele, die als Probeschwester in die Synodaldiakonie eintraten, waren den Belastungen nicht gewachsen und verließen diese wieder. Es fehlte dadurch bei den Schwestern an Nachwuchs. Die Zeitschwesternschaft wurde eingeführt. Für fünf Jahre mussten sich diese Probeschwestern verpflichten. Sie erhielten wie die Diakonissen eine kostenfreie Ausbildung mit staatlichem Examen, sowie ein Monatsgeld und Wohnung im Mutterhaus.
Diese Zeitschwesternschaft entwickelte sich nicht wunschgemäß. Sollte sie ursprünglich nur ein Meilenstein auf dem Weg zur Diakonisse sein, so bildete sich aus ihr mehr und mehr eine freie Schwesternschaft.

 

Schwestern verließen in der Regel gleich nach Beendigung der Ausbildung die Einrichtung wieder. Blieben sie dennoch, so verlangten sie eine tarifgemäße Gehaltsabfindung. Ihr Nutzen für die Synodaldiakonie war daher sehr gering.

 

Diese Entwicklung enttäuschte Pfarrer Winkelmann zutiefst. Bis Ende 1939 hat er alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte für die Erhaltung der Oberlausitzer Synodaldiakonie und seiner Diakonissenschaft eingesetzt und sich mit allen seinen Bemühungen diesem Werk unauslöschlich eingeprägt.

 

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