Diakonie in der Oberlausitz

Die Diakonie hat in der Oberlausitz eine lange Geschichte. Sie reicht weit zurück in die Zeit der Zugehörigkeit dieses Gebietes zum Königreich Böhmen (1635) und danach zum Kurfürstentum Sachsen. Später, im Jahre 1815, wurde das Markgraftum Oberlausitz in einen sächsischen und preußischen Bezirk geteilt. Der preußische Bezirk, die östliche Oberlausitz, wurde Schlesien zugeordnet. Diakonische Arbeit wurde bis zu diesem Zeitpunkt zwar von engagierten Christen ausgeführt, die öffentliche Kirche hatte jedoch wenig Anteil. Die Verantwortung dafür lag bei staatlichen Institutionen und begütertem Adel.

 

Begründet lag dies in der Tatsache, dass Kirche und Staat nicht durch diese klare Trennung gekennzeichnet waren, wie sie es heute sind.

 

Der Landesherr hatte in der Regel auch die kirchlichen Hoheitsrechte und so kam es, dass staatliche Behörden die Grundlinien der Kirchenpolitik bestimmten. Den Stadtmagistraten stand das Kirchenregiment nicht nur von Rechtswegen zu, sie übten es auch notfalls gegen Eigenmächtigkeiten von Pastoren und Kirchenräten aus. Deren Einfluss war folglich sehr gering.

 

Erst die Einführung eines neuen Kirchensystems führte zu wachsender Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der Kirche. Es kam zur Bildung einzelner Kirchenkreise, den Synoden. Mit der Gründung des Provinzialvereins für innere Mission wurde es möglich einzelne diakonische Aktivitäten zu koordinieren und zu intensivieren.

 

Wenn im evangelischen Schlesien das Wort:

 

"Der Glaube gehört uns wie die Liebe"

 
verwirklicht wurde, so verdanken wir das unter anderem Menschen wie Johann Hinrich Wichern und Theodor Fliedner. Beide rief die Not der Menschen nach Schlesien. Hungerjahre in Folge von Missernten und Typhusepidemien hatten diese Notlage verursacht. In Wichern und Fliedner entstand der Gedanke, hier in Schlesien ein evangelische Liebeswerk zu begründen, eine Einrichtung, in der Kranke umsonst behandelt werden. So entstand 1852 das 1. Schlesische Diakonissenmutterhaus.

 

Theodor Fliedner,aus Nassau stammend, brachte Erfahrung auf diesem Gebiet mit, denn zuvor, im Jahre 1836 begründete er bereits in Kaiserswerth die 1. Evangelische Diakonissenanstalt überhaupt.
Kaiserswerth war damals eine Stadt im preußischen Regierungsbezirk im Landkreis Düsseldorf.
Die Anstalt wurde Vorbild für alle weiteren Mutterhäuser in Deutschland.
Johann Hinrich Wichern, Begründer der Inneren Mission, hatte 1833 in Hamburg eine Erziehungsstätte für sozial gefährdete Kinder geschaffen.

 

Das junge Unternehmen fand in Schlesien die finanzielle Unterstützung des damaligen preußischen Königspaares.
Die nächsten fünfzig Jahre waren in Bezug auf diakonische Arbeit ein ununterbrochener Aufstieg. Acht weitere Diakonissenhäuser entstanden in Schlesien.
In ihnen lebten die Schwestern und versorgten dort ihre Kranken. Es waren viele junge Mädchen, die sich meldeten, um die für sie kostenfreie Ausbildung zu absolvieren. Zu damaliger Zeit bot dieser Weg den Frauen, die nicht heirateten, die einzige Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen und einer gesicherten Zukunft entgegen zu sehen.
Nach Beendigung der Ausbildung wurden die Schwestern als Diakonissen eingesegnet und das Mutterhaus war für sie fortan Wohnstätte, Arbeitsort und Altersruhesitz.

 

Diakonisse sein, heißt, die Gestaltung des eigenen Lebens, alle Entscheidungen über Arbeit, Einsatz und Entsendung in die Verantwortung des Mutterhauses zu legen.
Streng christliche Lebensführung, Sparsamkeit und Bescheidenheit kennzeichnen das Leben einer Diakonisse. Ihr ganzer Besitz ist ein kleines monatliches Taschengeld, für alles andere, selbst für die Kleidung sorgt das Mutterhaus.

 

Obwohl viele Schwestern nach der Probezeit zurücktraten, stieg die Zahl der Diakonissen ständig an. Die Polarisierung diakonischer Arbeit auf die Mutterhäuser löste zwar, zumindest vorerst, eine Fülle von Problemen, führte aber mit fortschreitender Zeit zu einem Stillstand in der Entwicklung der Diakonie.

 

Mutterhäuser wurden in Hinsicht auf die Zahl der Diakonissen zu groß und waren außerdem losgelöst von Kirchenkreisen und Gemeindeverfassungen. Auch zog diese Form der Anstaltsdiakonie Kräfte aus den Gemeinden ab, die für das spezifisch kirchliche Leben in diesen Gemeinden hätten zum Segen werden können.
Hinzu kam, dass im Laufe der Zeit ein Wandel im Frauenbild stattfand. Die Diakonisse, eine Frau mit Beruf, für die damalige Zeit ausgesprochen progressiv, einen Stand symbolisierend und angesehen, verlor mit der weiteren geschichtlichen Entwicklung ihre Einzigartigkeit. Die Gesellschaft bot Frauen andere und neue Möglichkeiten, als eigenständige Persönlichkeit ihren Platz im gesellschaftlichen Leben zu finden.
All dies führte zu der Notwendigkeit, neue Organisationsformen für diakonische Arbeit zu finden.

 

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