Die Synodaldiakonie in der Kriegs- und Nachkriegszeit (2)

Wenn auch die Häuser in Biesnitz erhalten blieben, so war dennoch auch für sie die Zukunft ungewiss. Wie schwierig die Lage war und mit wie viel Gottvertrauen die Schwestern dennoch weiterarbeiteten, sagt ein kleiner Brief der Oberin, den sie Weihnachten 1945 an ihre Schwesternschaft schrieb. (Auszug)

 

Weihnachten im Mutterhaus, dem Ort, von dem das geistliche und missionarische Leben des Werkes ausging. Welche Gedanken, Wünsche und Hoffnungen mögen die Schwestern Weihnachten 1945 bewegt haben? Sicher stand ihnen kein Raum mit Weihnachtsschmuck und -krippe zur Verfügung. Aber das die Liebe Gottes, in Jesus Christus Mensch geworden, ihr Leben erhellte, war an den Segensspuren, die sie mit ihrem Wirken hinterließen, in dieser Zeit besonders deutlich.

 

Liebe Schwestern:


"Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind"
Jes.8,23
Wir alle sind durch viele Ängste gegangen. Viel persönliche Not und viel Dunkel umschließt das Jahr für jeden von uns. Dunkel liegt auch die Zukunft vor uns.
Und nun kommt die Verheißung Gottes durch den Propheten....

Liebe für ein ganzes Leben
Ohne dich, wo käme
Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme
Meine Bürde, wer?
Ohne dich zerstieben
würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben.

Alles Herr, bist du!

 

Friedrich Adolf Krummacher

 


Das Jahr 1945 brachte das Ende des Krieges. Alle Maßstäbe versagen, wenn man die Größe des Zusammenbruchs ermessen wollte, der durch die Kapitulation Deutschlands nicht aufgehalten sondern noch vollendet wurde. Die Zahl der Gefallenen, Geflüchteten und Vertriebenen war kaum zu nennen.

 

Etwa 11.000 Diakonissen hatten ihre Heimat verloren. Zerstörung, Enteignung, Beschlagnahme und Evakuierung zogen den Verlust ganzer Arbeitsfelder nach sich. 22 Diakonissenhäuser mussten auswandern. Alle Diakonissen, die östlich der Neiße eingesetzt waren, mussten Schlesien bis Ende 1947 verlassen.

 

Schwester Susanne Demnitz schreibt darüber:

 

.... Im Limbacher Lager waren noch Umsiedler vom Transport 102 aus Waldenburg. Sie warteten dort nun schon 10 Wochen auf Zuweisung einer Wohnung und es ist gar keine Aussicht. Und täglich strömen Tausende neue herein. Wo soll das hinführen? Ich traf auch Deutsche aus meinem Heimatdorf, dort wird restlos alles ausgewiesen. Ich selbst bin nur eine Nacht und einen halben Tag dort gewesen. Im Lager war es abscheulich, wenn ich wenigstens eine Decke bekommen hätte. Trotz mehrfacher Bitte musste ich die Nacht in einem kalten Raum ohne Decke verbringen. Ich habe arg gefroren. Meine Schwesterntracht war abhanden gekommen, bis auf einige Reststücke. Auch hatte ich keine Lebensmittelmarken. Ich entschloss mich, ohne auf telegraphische Einreiseerlaubnis zu warten, abzureisen.......

 

"Salem" in Klein-Biesnitz ist für die meisten der vertriebenen Schwestern der Sammelpunkt und das Mutterhaus, die neue Heimat der Heimatlosen geworden. Nicht jede Diakonisse konnte diese Entwicklung, die Heimatlosigkeit und Vertreibung, verarbeiten. Elfriede Schulze, Oberin des Strehlener Bezirkes, blieb in Schlesien und gab ihrem Leben durch Genickschuss ein Ende.

 

Ihr, sowie den Diakonissen Johanna Schulte und Ottilie von Schönberg, der Oberin des Mertschützer Bezirkes, wurde auf dem Schwesternfriedhof in Kunnerwitz in dankbarem Gedenken ein Stein gesetzt, über dem das Wort des Herrn steht:

 

"Ich lebe, und ihr sollt auch leben"
Joh. 14,19

 

Als das Mutterhaus und seine Einrichtungen im Februar 1945 evakuiert wurden, blieben nur der Vorsteher, die Oberin und einige ältere Schwestern, die an das Bett gebunden waren, zurück. Im Laufe der darauffolgenden Wochen füllte sich "Salem" mit Schwestern , die "von der Landstraße" ins Mutterhaus zurückkehrten. Zu ihnen gehörte auch Probeschwester Emma Hanke, die im Jahr 1950 Diakonisse wurde und noch heute im Mutterhaus lebt und ihre Erinnerungen an diese Zeit weiter vermittelt hat.
Als sie hier ankam, standen die Häuser in Biesnitz nicht leer. Der Hauptverbandsplatz des Lazarettes war in ihnen untergebracht. Täglich starben hier die Soldaten an ihren schweren Kriegsverletzungen. Mit dem Lastwagen wurden sie nach Kunnerwitz gebracht und dort auf dem Friedhof begraben.

 

Bereits wenige Wochen später kam die russische Besatzung. Viele Menschen wissen noch aus eigener Erfahrung um die Not und die Schwierigkeiten dieser Zeit. Um drohenden Repressalien oder gar dem Räumungsbefehl zu entgehen, erkämpfte der Vorsteher von "Salem", Pfarrer Lic. Kunze, beim Kommandanten in Görlitz einen Schein, der der Einrichtung den Schutz eines Klosters gewährte. Dies war äußerst mühevoll und er hatte dabei Erlebnisse, die ihn an seine frühere missionarische Tätigkeit in China erinnerten. Aber am Ende dieses langen Tages war das Bleiberecht für die Schwestern, den Vorsteher und seine Schwiegereltern in "Salem" gesichert.

 

In der Zwischenzeit kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen der Russen mit der Oberin. Dass niemand von den Schwestern zu Schaden kam, verdanken alle dem Mut der Oberin und dem Eingreifen des Schwiegervaters des Vorstehers. Bekleidet wie ein russischer Patriarch, gelang es ihm, die Russen von Schandtaten zurückzuhalten. Er hatte einen langen weißen Bart, zog sich einen Talar an, hängte sich ein Kreuz um und sagte: "Hier Monasterie"! Das verstanden alle. So blieben wenigstens die Menschen in "Salem" verschont und die alten und kranken Schwestern konnten im Bett bleiben Aus den Häusern aber wurde alles herausgeworfen, was ein Haus so in sich birgt: Wäsche, Kleider, Möbel, Geschirr, alles lag bergeweise im Freien. In zwei Monaten russischer Belegung wurden aus den schönen, ordentlichen und modern ausgestatteten Häusern unbewohnbare, verdreckte, von Unrat stinkende Räumlichkeiten.

 

Heute kann wohl kaum noch jemand ermessen, welche Leistung die Schwestern vollbrachten, die mit all den Widrigkeiten dieser Zeit fertig werden mussten. Nachdem die Russen abgezogen waren, versuchten sie, die Häuser zu säubern. Nichts war mehr in Ordnung. Im Garten wurde eine Latrine angelegt, aller Unrat aus den Häusern hinausgetragen, dort hineingekippt und dann zugeschüttet. Aus den Bergen Müll versuchten die Schwestern Geschirr zu retten, zu desinfizieren, mehrmals abzubrühen und reinigen. Auch Möbel, die noch zu reparieren waren, wurden aus dem Müll gezogen, so dass man mit dem Notwendigsten ganz notdürftig wieder von vorn anfangen konnte.
Nach und nach kamen auch immer mehr Schwestern , die Schlesien verlassen mussten und in "Salem" Aufnahme fanden. Das war keine Kleinigkeit. Das Mutterhaus war überfüllt, Lebensmittelmarken gab es nicht für die Schwestern, die auf der Flucht waren. Die Ernährung wurde zum großen Problem, die Schwestern mussten hamstern und auch bei den Bauern betteln gehen.

 

Diakonisse Gertrud Berger, deren Arbeitsschwerpunkt nach 1945 der Bereich Küche war, hat ihre Erinnerungen an diese Zeit niedergeschrieben:

 

... was sollten wir kochen, wir hatten ja nichts. Die Schwestern fuhren manchmal mit ihren Rädern über Land und brachten Kartoffeln und Wasserrüben mit. Die Kartoffeln wurden vor dem Schälen abgezählt, damit dann nicht nur noch die Hälfte da war. Manchmal war der Hunger so groß, dass die Kartoffeln mit Schale gegessen wurden. Ab und zu bekamen wir Pferdefleisch. Da sprang dann alles in der Küche herum. Wir hatten auch noch ein Schwein im Stall, das habe ich mit 2 Schwestern geschlachtet. Das war eine aufregende Sache. Abends um sieben haben wir angefangen, um elf in der Nacht waren wir fertig. Draußen standen die Russen. Die durften nichts merken, sie hätten uns alles weg genommen. Aber es ist gut gegangen. Kein Licht war draußen zu sehen. Bei Kerzenschein haben wir geschlachtet. Und dann gab es Schweinefleisch, Wellfleisch, Würstel und schöne Leberwurst. Das war ein Höhepunkt. Es war eben eine sehr schlimme Zeit...


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